Die neue Höflichkeit des Schweigens? Es gibt eine kleine Unart unserer Zeit, die sich erstaunlich lautlos verbreitet hat. Sie macht keine Schlagzeilen, verursacht keine Krisensitzungen und taucht in keinem Leitbild moderner Unternehmen auf. Und doch begegnet man ihr täglich. Man schreibt eine E-Mail.
Eine höfliche Anfrage. Eine Terminbitte. Eine Rückfrage. Vielleicht sogar eine konkrete Geschäftsidee. Nichts Aufwendiges, nichts Unverschämtes. Einfach eine Nachricht, wie sie im Geschäftsleben seit Jahrzehnten üblich ist.
Dann klickt man auf „Senden“. Und danach beginnt das Warten. Nicht lange. Nicht gespannt. Sondern dieses merkwürdige, diffuse Warten, bei dem man schon nach wenigen Stunden ahnt, wie die Geschichte ausgeht. Es passiert nämlich meistens nichts.
Keine Antwort. Keine Absage. Kein „Wir melden uns“. Nicht einmal die digitale Version eines Schulterzuckens. Einfach Stille. Früher hätte man das schlicht Unhöflichkeit genannt. Heute scheint es eher ein Kommunikationsstil zu sein.
Vielleicht liegt es an der schieren Menge an Nachrichten, die täglich durch Postfächer rauschen. Vielleicht an überquellenden Kalendern, vielleicht auch an der stillen Hoffnung, dass sich manche Anfragen einfach von selbst erledigen, wenn man sie lange genug ignoriert.
Man könnte dieses Verhalten inzwischen fast als eigene Disziplin beschreiben: Business-Ghosting. Der Begriff stammt eigentlich aus der Datingwelt. Zwei Menschen schreiben miteinander, verstehen sich gut, vielleicht verabreden sie sich sogar. Und dann verschwindet einer plötzlich aus der Kommunikation. Ohne Erklärung. Ohne Abschied.
Im Geschäftsleben funktioniert das erstaunlich ähnlich. Der Unterschied ist nur: Hier geht es nicht um Gefühle, sondern um Professionalität. Eine kurze Antwort wäre meist ausreichend. Drei Sätze reichen oft schon aus, um zu zeigen, dass eine Nachricht zumindest gelesen wurde. „Vielen Dank für Ihre Anfrage, aktuell passt es leider nicht.“ Oder: „Wir melden uns nächste Woche.“
Das ist kein Zeitproblem. Das ist eine Frage der Haltung. Interessanterweise passiert dieses Schweigen häufig genau dort, wo Kommunikation eigentlich zum Kerngeschäft gehört. Pressestellen, Agenturen, Unternehmen mit Abteilungen für „Corporate Communication“. Man pflegt Markenbilder, formuliert Leitwerte und spricht gern über Transparenz.
Nur antworten müsste man eben auch.
Vielleicht ist das Schweigen deshalb so beliebt geworden, weil es bequem ist. Wer nicht antwortet, muss nichts erklären. Keine Absage formulieren, keine Entscheidung begründen, keine Verantwortung übernehmen. Man lässt die Anfrage einfach ins digitale Nichts laufen.
Die Ironie dabei: Noch nie war Kommunikation technisch so einfach wie heute. Und gleichzeitig scheint es noch nie so selbstverständlich gewesen zu sein, sie einfach zu unterlassen.
Vielleicht braucht es gar keine neuen Regeln, keine Workshops und keine Kommunikationsstrategien. Vielleicht würde schon eine sehr alte Tugend reichen.
Antworten.
